Naturfreunde Radgruppe Stuttgart e.V.

 - Jugendstil -

Autoren: Friederike Votteler + Peter Pipiorke

 

  Einführung Jugendstil 

 

Um 1900 entstand eine Große Aufbruchs- und Protestbewegung, die unter dem Schlagwort "Lebensreform" aus den verkrusteten Konventionen der wilhelminischen Staatskultur ausbrechen wollte.

Das Bedürfnis nach einer Neuorientierung des Lebens schlug sich nicht nur in Architektur, Kunst und Religion nieder, sondern auch in lebenspraktischen Fragen der Gesundheit, Erziehung, der Kleidung und der Wohnkultur. Auch die Naturfreunde haben ihre geistigen Wurzeln u.a. in dieser Zeit.

Der Name der neu entstehenden Stilrichtung, des Jugendstils, leitet sich ab von der Zeitschrift "Die Jugend", die die neue Lebensauffassung mit geprägt hat. Die Bewegung war aber international, wenn sie auch unter verschiedenen Namen bekannt wurde: Jugendstil, art nouveau, Sezession, arts and crafts, etc.

Der Jugendstil und seine anderen europäischen Ausprägungen sind angetreten mit dem Anspruch, dass die Kunst alle Bereiche des Lebens erfassen sollte. Er inspirierte so Möbeldesigner und Goldschmiede, Buchbinder, Glas- und Textilkünstler und auch  Architekten.

Trotz Kriegszerstörungen und Modernisierung sind bis heute zahlreiche Beispiele erhalten geblieben; z.B. die Mathildenhöhe (Darmstadt) als Zeugnis einer der ersten Bauausstellungen in Deutschland (1901). Junge Architekten und Künstler wollten am Anfang des letzten Jahrhunderts neue Formen des Bauens realisieren. Durch den Bruch, der mit dem 1. Weltkrieg einherging, blieben dem Jugendstil nur wenige Jahre zu seiner Entfaltung. Viele Architekten des Jugendstils sind mit der Zeit gegangen und haben sich später dem Neuen Bauen zugewandt mit seinen einfachen Formen und seinem völligen Verzicht auf Ornamentik. Trotz allem hatte der Jugendstil auch über sich selbst hinaus eine wichtige Bedeutung. Er besaß eine Art Brückenfunktion und hat das Bild unserer Städte nachhaltig beeinflusst. Die Bautätigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts war groß, bedingt durch Landflucht und Industrialisierung; der aufstrebende Mittelstand wollte sich mit repräsentativen Bauten ein Denkmal setzen.

Die Stilelemente des Jugendstils bewegen sich weg von den antiken und historischen Heldenvorbildern. Zunehmend stehen symbolische, die Wurzeln des Lebens sinnbildlich darstellende Formen in Vordergrund. Da fällt vor allem der Lebensbaum als neues Symbol neben verschlungenen Blüten- und Blattornamenten, Früchten und Tieren auf. Statt Wappen, Fahnen, und griechische Heldengötter werden nun Sonnenblumen, Bienenkörbe und Weinranken als Dekor verwendet.

An die Handwerker stellte der Jugendstil höchste Anforderungen. Als die vielleicht schwächste Stelle des Jugendstils in Stuttgart ist zu erwähnen, dass bei noch so phantasiereicher Gestaltung der Hauptfassade der Wohnhäuser die Seitenfassaden gestalterisch deutlich zu kurz kamen. (Schwäbische Sparsamkeit?).

In Stuttgart hat der Jugendstil zwischen 1905 und 1910 seine Blütezeit erlebt - nur eine sehr kurze Zeitspanne - und ist eher verhalten ausgeprägt, im Gegensatz zu Wien, München oder Darmstadt. Vorherrschend sind Mischformen oder einzelne Jugendstilelemente, die durchaus auch parallel mit Stilelementen der vorhergehenden oder nachfolgenden Epochen anzutreffen sind.

Bedeutende Beispiele des Jugendstils in ganz Stuttgart

 

Brunnen:

·        Schicksalsbrunnen (Oberer Schloßgarten vor dem Staatstheater Großes Haus)

·        Wilhelmsbrunnen (Oberstdorfer-/ Kappelbergstraße, Untertürkheim)

 

Kirchen:

·        Markuskirche (Filderstraße 22, S - Süd)

·        Michaelskirche (Im Kirchweinberg 1, S-Wangen)

·        Stadtpfarrkirche Gaisburg (Faberstraße 17, S-Gaisburg)

 

Gewerbebauten:

·        Ehemalige Spinnerei Horkheimer (Schwieberdinger Str. 58, S-Zuffenhausen

·        Ehemaliger Schlachthof (Schlachthofstr. 2, 2A, 2B, S-Ost)

·        Markthalle (Dorotheenstraße 4, S - Mitte)

·        Stitzenburg - Apotheke (Hohenheimer Straße 38, S-Süd)1

 

Wohngebäude:

·        S - Mitte:

            - Am Neckartor 18 und 20

            - Alexanderstraße 94, 128, 157

            - Danneckerstraße 21, 26, 30

            - Haußmannstraße 160

            - Neckarstraße 136

            - Zimmermannstraße 10

·        S - Süd:

            - Arminstraße 31

            - Filderstraße 27, 29

            - Furtbachstraße 6 (Furtbach-Krankenhaus)

            - Liststaffel 2

            - Liststraße 38

            - Römerstraße 40

            - Schickhardtstraße 43, 45, 47

            - Strohberg 11, 13

·        S - Ost:

            - Ostendstraße 18

·        Bad Cannstatt:

            - Kissinger / Ecke Dennerstr. 100

            - Melanchthonstraße 15

            - Obere Waiblinger Straße 110

 

Friedhöfe:

·                 Krematorium Pragfriedhof (Friedhofstraße 44, S - Nord)

 

 

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Der Stuttgarter Westen entstand hauptsächlich um 1900 und damit in weiten Teilen in der Zeit des Jugendstils. Jedoch treffen wir selten auf einen so übersprudelnden Jugendstil wie etwa in Wien, Brüssel oder Barcelona, ... sondern auf einen zurückhaltenden bodenständigen Jugendstil. Bauten die den II. Weltkrieg überstanden hatten, fielen teilweise dem Wiederaufbau zum Opfer. Es war nicht mehr Ästhetik , vielmehr nur noch Funktionalität gefragt.

 

Besonders beachtenswert sind folgende Elemente:

·        Pflanzen- und Tierornamentik,

·        Tier- und Personendarstellungen,

·        (Doppel)Giebel,

·        Fenstereinfassungen,

·        Türeinfassungen mit Türen sofern sie nicht von Alu-Türen verdrängt wurden,

·        Schmiedeeiserne Tore und Kellerfenstergitter,

·        Sonnenblumen in allen Varianten (Stuttgarter Spezialität ?),

·        Engel mitunter sogar nicht geschlechtsneutral (Stuttgarter Spezialität ?).

 

Rundweg:

Der Rundweg kann zu Fuß in einem Zug, abschnittsweise oder mit dem Rad (2 Stäffele) zurückgelegt werden. Es musste eine Auswahl getroffen werden.

Rotebühlstr. 66, Miethaus 1905/06, Architekten Eisenlohr + Weigle.

Rotebühlstr. 97, 99, siehe Knospstraße.

Knospstr. Knosp - Siedlung incl. Handelsschule (Rotebühlstr. 97, 99, Knospstr. und Augustenstr. 56.), 1902 - 04 von Arch. Eisenlohr + Weigle errichtet. Bauherrin dieser ehemaligen Privatstrasse war Sophie Knosp, Witwe des Farbenfabrikanten Rudolph Knosp.

Augustenstr. 43, 41, 39, 50, 48, 46, 44, 42, 40 Bsp. für den Vorgängerbaustil Historismus.

 

Historismus: Nachahmung historischer Baustile wie: Antike, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko (è Neo-Romanik ... ) und fremdländische Baustile.

 

è Weiter Buschlestr., Reinsburgstr., Silberburgstr.è Mörikestr..

Mörikestr. 32, Wohnhaus, 1896, Arch. Prof. Paul Lauser, Jugendstilelemente.

Mörikestr. 34, Villa, 1905/06, Jugendstilelemente.

è Weiter Hohenzollernstr..

Schickhardtstr. 43, 45, 47, Mietshäuser 1902/03, Arch. Gebr. Emil + Paul Kärn, Backsteinbauten mit Jugendstilfassade. Glanzstücke des Stuttgarter Jugendstils.

è Weiter Stäffele über den Schwabtunnel è abwärts in Hasenbergsteige.

Hasenbergsteige Grünanlage, Denkmal für den Dichter J. G. Fischer, 1900.

Hasenbergsteige 12, Mietshaus, 1899, Arch. A. Schiller, Floraler Jugendstil.

Hasenbergsteige Gänsepeter-Brunnen, 1901, Arch. P. Lauser, Neubarock / Jugendstil.

Hasenbergstr. 18, Wohnhaus des Papierfabrikanten Lemppenau. 1862, Arch. Stitz, Historismus. 1900, Arch. Weirether, Fassadenumgestaltung, Neobarock mit Jugendstil.

Augustenstr. 99, Miet- + Geschäftshaus, 1904, Arch. K. Hengerer + R. Katz, Jugendstilelemente (Fledermaus).

Reinsburgstr. 116, 1911, Arch. G. Stoll, Jugendstilelemente.

Blick in die Seyfferstr. 10, Hoch oben schweben Engel aus vorhergehenden Baustilen.

Reinsburgstr. 105, 1908/09, Arch. Gebr. Kärn, geometrische Jugendstilornamente.

Reinsburgstr. 138 / 140, Miet- + Geschäftshaus, 1906/07, Arch. A. Seitz, Jugendstilelemente, Inschrift „Willkommen“.

Reinsburgstr. 127 / 129, Miet- + Geschäftshaus, 1907, Arch. J. Bihl, Jugendstilelemente.

Reinsburgstr. 151, Mietshaus / Gaststätte, 1905/06, Arch. F. Dienstbach, Jugendstilelemente, Fresken.

Reinsburgstr. 160, Miet- + Geschäftsh., 1904/06, Arch. Bihl + Woltz, Jugendstilelemente.

Blick in die Rotebühlstr. 164, Wohn- + Geschäftshaus, 1909, Arch. A. Schieber.

Reinsburgstr. 199, 201, 203, 205, 207, Mietshäuser, 1912/13, Arch. E. Blankenhorn, Jugendstil / Neue Sachlichkeit.

Reinsburgstr. 218, Mietshaus, 1909/10, Arch. R. Schmid, Jugendstildekorationen, „Stuttgarter Variante“ der nüchternen + distanzierten Frauenplastik, z.T. in Serie produziert.

Reinsburgstr. 220 / 222, Mietshäuser, 1907/08, Arch. W. Zerrweck, (floraler) Jugendstil: „Stuttgarter“ Sonnenblumen, Lebensbäume, Schmiedearbeiten.

Rotenwaldstr. 101, Miet- + Geschäftshaus, 1907, Arch. L. Storz, Plastiken an Tür + Erker.

Rotenwaldstr. 99, Miet- + Geschäftshaus, 1911/12, Arch. E. Brodbek, Jugendstilelemente.

è Weiter nach rechts in Kleiststr. è Stäffele in Hebbelstr. è Obere Bismarkstr..

Obere Bismarckstr. 93, Erker + Balkon, Obere Bismarckstr. 80, Tür.

è Weiter Leipziger Platz è Bismarckstr..

Bismarckstr. 58, 56, 79, 77, 75, 73, 54, Mietshäuser, 1910, Arch. H. Jäger, Türen, Fassade, Hoftür Balkone, Eulen.

Bismarckstr. 67, 65, Eckhaus Seyfferstr. 59, Miet- + Geschäftshäuser, 1903/05, Arch. H. Jäger, Jugendstilelemente, Türen, Schmiedeeisen, Erker.

Blick abwärts in die Bismarckstr. 57, Miet- + Geschäftshaus, 1903/05, Arch. H. Jäger, Jugendstilelemente.

Bismarckstr. 55, Mietshaus, 1902, Arch. W. Carle, Drachen und Echsen.

Paulusstr. 16, 14, 12, Miet- + Geschäftshäuser, 1903/05, Arch. K.R. Barth, Jugendstil + orientalische Elemente.

Paulusstr. 4, 6, Mietshäuser, 1903, Arch. P. Schmohl + G. Staehelin, Jugendstilelemente.

Paulusstr. 2A, B, Miet+ Geschäftsh., 1903/04, Arch. Kärcher + Barth, exotisches Haus.

Blick in die Vogelsangstr. 30, Mietshaus, 1904, Arch. Gebr. Kärn, Jugendstilplastiken.

Gutbrodstr. 1, 3, 5, 7, 9, 11, Miet- + Geschäftshäuser, 1903/04, Arch. J. Mayer + Kärcher + Barth, Jugendstilelemente.

Gutbrodstr. 2, 4, 6, 8, Miet- + Geschäftsh., 1907/08, Arch. J. Mayer, Jugendstilelemente.

Elisabethenstr. 35, 33, 31, 29, 27, Miet- + Geschäftshäuser, 1907/08, Arch. J. Mayer, Jugendstilelemente.

Elisabethenstr. 40, 38/36, Mietshäuser, 1904, Arch. K. Schäfer, Köpfe, Florale Reliefs

Elisabethenstr. 11, 7, 3, Mietsh., 1905/06, 1902, Arch. Hengerer + Katz, Türen, Plastiken.

Elisabethenstr. 1, Mietshaus, 1902, Arch. Weirether.

è Weiter links in Hasenbergstr. è Breitscheidstr.

Blick aufwärts in Breitscheidstr. 98, Florale Ornamentik.

Senefelderstr. 67, 69 A+B+C, Miet- + Geschäftsh., 1904/05, Arch. Pfeiffer + Boll,

Jugendstilelemente.

Senefelderstr. 95, 97, 99, 101, Miet- + Geschäftshaus, 1900, Arch. Eichenbrenner + Würth, Jugendstilelemente.

Blick in die Lerchenstr. 80, Miet- + Geschäftshaus, 1899/1900, Arch. Heim + Sipple, Doppeltür mit Plastiken.

Senefelderstr. 105, Miet- + Geschäftsh., 1900/02, Arch. Bihl + Woltz, Jugendstilelemente.

Senefelderstr. 109, Beispiel für den Nachfolgebaustiel: Neue Sachlichkeit.

 

Neue Sachlichkeit: Verzicht auf Schmuck, die Funktion soll die Form des Baus bestimmen. è Ornament ist ein „Verbrechen“!

 

Schwabstr. 187, 189, Mietshäuser, 1910, Arch. R. Beckmann, Jugendstilplastik.

Schwabstr. 126, 128, Mietshäuser, 1909/10, Arch. H. Baudistel, Jugendstilelemente.

è Weiter Hölderlinplatz è Hölderlinstr..

Hölderlinstr. 57, Mietshaus, 1912/13, Arch. G.H. Widmann, Jugendstilelemente.

Ludwig-Pfau-Str. 15, Mietshaus, 1909, Arch. E. + G. Widmann, Jugendstilelemente.

Blick in die Traubenstr. 45, 49, 51, Miet- + Geschäftshäuser, 1910/12, Arch. Müller + Widmann, Jugendstilelemente.

Ludwig-Pfau-Str. 7, 5, 3, 2, 1, Miet- + Geschäftshäuser, 1910/12, Arch. Müller + Widmann, Jugendstilelemente.

Lerchenstr. 54, 56, 58, Miet- + Geschäftsh., 1910/12, Arch. Müller + Widmann, Jugendstilelemente, „Friedlich leben: Glück und Segen“, Ehem. Metzgerei, Kacheln im Laden, Relief.

Johannesstr. 72, 68, Miet- + Geschäftsh., 1901/03, Arch. A. Seitz, Jugendstilplastiken.

Johannesstr. 69, Mietshaus, 1901, Arch. Beisbarth + Früh, Verschiedene Baustile.

è zurück zum Feuersee.

Jugendstil - Rundweg durch Stuttgart West (Karte):

 

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Jugendstil Rundweg

Der Rundweg Jugendstil in Stuttgart-West wurde von Peter Pipiorke und Friederike Votteler (Naturfreunde Radgruppe Stuttgart eV.) ausgearbeitet und gestaltet. Er beinhaltet lediglich eine Auswahl an Gebäuden. Es konnten nicht alle beachtenswerte Bauten aufgenommen werden. Über Anregungen, Informationen, Fotos (ansichtshalber) freuen wir uns jederzeit.

 

 

Jugendstil Vorträge und Führungen

Informationen zu Führungen und Radtouren sowie Vorträgen, zum Thema Jugendstil (Lebensreform, Jugendstil in einzelnen Länder, Alfons Mucha, Salome von Oscar Wilde, ... ) und darüber hinaus (Stadtgeschichte, Reinsburgstraße, Mineralwasser, ... ), unter:

 

Internet: www.Pipiorke.de                         oder                E-Mail: Peter@Pipiorke.de.